Das Buch zum Bild. Die Schrift zum Werk – oder Namen geben heißt Welten schaffen

Karin Pernegger

Das Buch als Material und die Auseinandersetzung mit analogen Schriftbildern werden für den Osttiroler Künstler Helmut P. Ortner zur Basis seiner künstlerischen Praxis, die er mit sensiblen und poetischen Titeln kombiniert, wie es zum Beispiel schon oben der Texttitel zitiert: Namen geben heißt Welten schaffen. Gefundene Bücher arbeitet der Künstler mit analogen Schriftformen, wie der klassischen Handschrift, oder durch die Verwendung von Schreibmaschinen zu seinen individuellen Bildträgern um. Schon im Mittelalter war seitens der religiös motivierten Buchkunst das Buch sprichwörtlich der Bildträger der Vormoderne, lange bevor der Gutenberg’sche Buchdruck die Verbreitung des Buches exponentiell anhob und der Gesellschaft ein neues Kapitel des Wissenstransfers eröffnete. Doch nun zu glauben, die Kunstwerke Ortners seien dem klassischen Elfenbeinturm der Kunstgeschichte verschrieben, verfehlt weit ihre Intention und Aura. 

 

Die Bibliothek in Umberto Ecos Sinne ist längst der digitalen Datenwelt gewichen und die Buchzeilen sind in den Algorithmus von Nullen und Einsen transferiert. Das Umblättern der Buchseiten ist wie ein Ruf aus der Vergangenheit, so ist es nachvollziehbar, dass sich das bildgebende Universum Ortners ganz auf die Buchinnendeckel konzentriert. Gerade an der Entnahme der Seiten ermisst sich der künstlerische Erzählstrang: die Schrift- und Buchkultur vielmehr als philosophisches und kulturtechnisches Pendant des Menschen und seines Seins zu erfassen als einen Vandalenakt zu provozieren. Ortner rekonstruiert den Klang und die Poesie der verloren gegangenen Worte, wie es schon seine Titel erahnen lassen, denn Namen geben heißt Welten schaffen. Grundsätzlich würde man Ortner keinen skulpturalen Zugang bei der Werkgenese zuschreiben, aber wenn man den Skulpturenbegriff als subtraktiven und additiven Materialprozess versteht, kann man den Werkstoff Buch in den Händen des Künstlers als verloren gegangene Skulptur verstehen, die zwischen Betrachter und dessen Menschsein oszilliert. Das gefundene Buch wird mit der Entnahme der Seiten zum Bildträger und zur Aura zugleich. Seitens des Künstlers ist es unwesentlich, welches Buch, welchen Inhalt die Seiten enthielten, auch, wer der Autor oder die Autorin war. Das Buch wird in Ortners Händen zum autonomen Subjekt, das mit der Bildgebung des Künstlers seine Autorenschaft neu verhandelt. Der Künstler schlägt das Buch auf und verwendet die Innendeckel, um Geschichten zu erzählen, die längst verloren schienen. 

 

Im 21. Jahrhundert stellen Bücher historische Wissensvermittler dar, die gegenüber ihren digitalen Datenarchiven längst überholt erscheinen. Unsere Bibliotheken heißen nun Google und Co, die ihren Wissensspeicher eher der Ökonomie eines Marken-Branding unterwerfen und mittels Algorithmen Benutzerdaten möglicher Werbekunden anpassen als deren Wissenschaftlichkeit zu prüfen und fortzuschreiben. Was in den 1990er Jahren noch zu einem Horrorszenarium stilisiert wurde: der gläserne Mensch, ist heute in Echtzeit zur Realität geworden. Unser geschriebenes Wort ist als digitaler Daten-Code zum Kapitalgeber multinationaler Konzerne geworden. Eine Diskussion, so vereinfacht sie hier auch dargestellt ist, könnte man an diesem Ort endlos weiterführen. Helmut P. Ortner jedoch widersetzt sich dieser Debatte mit der bewussten Verwendung des Buchdeckels als Bildträger, lässt aber diese Debatte nicht kommentarlos hinter sich. Die Leerstelle der fehlenden Seite stellt nicht die Negation des Künstlers gegenüber Autor oder Autorin und Wissensspeicher dar, sondern eröffnet sich exemplarisch in jenem oben beschriebenen skulpturalen Zugang des Künstlers zum Buch: als mannigfacher Text, der sich anhand seiner scheinbar verlorenen Seiten wie ein Palimpsest immer und immerzu überschreibt. Jene sich selbst überschreibenden Schichten greifen auch das Verständnis des Künstlers auf, die Innenseiten der Buchdeckel für sich als universellen Code zu gestalten. Das Medium Schrift, kombiniert mit der Collage, wird im weitesten Sinne zum Narrativ von Ortners Bildkompositionen. Während die verlorene Bibliothek noch plastisch den Raum zwischen Werk und Betrachter ausmisst, kommentieren die gestalterischen Motive des Künstlers die Existenz des Menschen. Wenn wir der Bildinterpretation Grundsätze der Kommunikationstheorien anhängig machen und hinterfragen, warum wer was zu welchem Zeitpunkt wieso sagt, verstehen wir auch Marshall McLuhans Ansatz Das Medium ist die Message in Ortners Bilduniversum. Umso deutlicher wird Quentin Fiores spätere Umwandlung dieses Leitsatzes in Das Medium ist die Massage als Vorwegnahme des Umgangs mit Wissenskultur in unserer Gegenwart. Ortner ist in dem Sinne kein Bilderstürmer beziehungsweise Bücherstürmer und deckt auch nicht die Schrecken vermittelnde Assoziation der Bücherverbrennungen ab, sondern zeigt sich kritisch gegenüber der Medienmanipulation und den politisch funktionalisierten Fake News, die schon zu einer Allgemeinkultur unseres nicht hinterfragten Bewusstseins werden. Das Medium mittels seiner manipulativen Kraft ist das Narkotikum unserer Gesellschaft, das in falschen Händen zur Hetzschrift einer dystopischen Gegenwartskultur wird. 

Umso deutlicher wird in den Einzelmotiven Ortners die Erinnerungskultur als Dialog zwischen existenzialistischem Menschenbild und seiner Büchergebundenen Wissenskultur lebendig. Erst in den letzten fünf bis sechs Jahren hat der Künstler und Zeichner begonnen, Bücher als Bildgrund zu verwenden, während zuvor schon das Schriftbild maßgeblich seine künstlerische Akribie bestimmte. Die gleichmäßig über das Blatt geführte Stahlfeder kombiniert mit dem nie endenden Tintenfluss ein rhythmisches Geflecht zu einer Bildstruktur, wie auch jeder Anschlag der Schreibmaschinen-Lettern einen auditiven Klang den Werken beimisst. Jegliche Aufzeichnungstechniken repräsentieren die Kulturtechnik des Erinnerns. Sei es eine Bibliothek im klassischen Sinne, sei es selbst die Höhlenmalerei der schriftlosen Kultur der Steinzeit. Eben in diesem bildgebenden Spannungsbogen ist das emphatische Potential Ortners, seine Gegenwart abzubilden, festgeschrieben. 

 

Neben den rhythmisch unterlegten Aufzeichnungsprozessen zwischen Handschrift oder analoger Schreibmaschinenschrift steht die Figur des Menschen zentral im Bildgebungsmotiv des Künstlers. Dieser wählt hierbei vor allem in der Dualität der rechten und linken Buchdeckelinnenseite einen Bildschnitt, der sich – gleich rechter und linker Gehirnhälfte – auf dem Blatt zu spiegeln beginnt. Gerade dies macht die räumliche Fehlstelle der Buchseiten wieder gegenständlich, da die Bildmotive des Künstlers jene fehlenden Seiten sprichwörtlich umschließen und ergänzen. Die Repräsentanz des Abwesenden ist ein philosophischer Terminus der Postmoderne und hat seither den Diskurs charakterisiert. 

 

Kommen wir wieder im Sinne der additiven und subtrahierenden Technik der Skulptur zurück zum auratischen Raum, der sich durch die fehlenden Seiten oder, besser gesagt, aus der Mitte des Buchdeckels eröffnet und mit seinen Bildern, Zeichnungen und Collagen einer Welt der Wunderkammern gleicht. In Helmut P. Ortners Werk ruht ein Wesenszug, der nur mit Umberto Eco als Generalinstanz des Universalgelehrten zu vergleichen ist: die Empathie eines Wissensgeleiteten, der die Gegenwart des Menschen immer in seinem Sein zu hinterfragen imstande ist. 

In: Helmut P. Ortner. Spekulationen, ed. by Silvia Höller, exhib. cat. Lienz: RLB Atelier; 2020, 19–23.

 

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